Analoge Fotografie: „Eine russische Kiev 88, ein japanischer Whisky und ein deutscher Hammer !“

 

Gestern habe ich ein Wechselbad der Gefühle erlebt und kann euch sagen, ich Trottel war auch noch selber daran schuld. Aber mal alles auf Anfang gestellt.

 

Szenario 1: Ein erfolgreicher Kauf!

 

Durch Zufall war ich vor 10 Tagen in Offenburg und ging an einem Fotofachgeschäft vorbei. Dort sah ich im Vorbeigehen eine kleine Auswahl an analoge Kameras. Also kehrt marsch und rein in den Laden. Die kleine Auslage beinhaltete diverse analoge Kleinbildkameras aus der Vergangenheit. Ich sprach den Seniorchef an, ob er vielleicht auch was im Bereich Mittelformat hätte. Dieser drehte sich um und hob einen großen schweren Alukoffer auf den Verkaufstresen. Ich solle mir den Inhalt mal ansehen, meinte er und ging zu einem anderen Kunden, der gerade in den Laden kam.

 

Also Koffer auf und mir kam ein russisches Gesamtpaket entgegen. Eine Kiev 88 mit diversen Objektiven, 3 Filmkassetten und noch viel mehr. Alles sah in einem gepflegten Zustand aus. Da ich selber etwas unter Zeitdruck stand, konnte ich mir nicht alles genauer ansehen. Ich sprach dann noch mit dem Chef und fragt ihn woher er das hätte und was es den Kosten sollte. Er sagte mir das diese Ausrüstung einem ehemaligen Grafiker beim Burda-Verlag gehört hat, der zwischenzeitlich verstorben sei. Sein Bruder würde nun diese Ausrüstung verkaufen, da er mit der Fotografie nix am Hut hat. Der Verkäufer wollte für das Komplettpaket 500 Euro, wobei der Ladenbesitzer ihm gleich gesagt hat, die wird er wohl nicht bekommen.

 

Da ich etwas unter Zeitdruck stand, gab ich kaltlächelnd ein Angebot in Höhe von 250 Euro ab und gab dem Ladenbesitzer meine Karte. Er meinte noch beim rausgehen, dass der Besitzer sicher es nicht für den Preis verkaufen würde. Egal, ich musste los.

 

Der Koffer und sein Inhalt gingen aber gedanklich mit mir mit. Auch am Abend suchte ich nach Informationen, was so ein Komplettangebot wohl kosten dürfte. Dabei habe ich nicht mal die Zeit gehabt alles im Koffer mir genauer anzusehen. Also am nächsten Tag wieder los und rein in das Fotofachgeschäft. Der Seniorchef lächelte mich an, als er mich sah. Ich wolle mir den Inhalt nun etwas genauer ansehen, da das Interesse doch nun stärker geworden ist.

 

Hier mal eine kleine Liste vom Kofferinhalt:

Kiev 88

Lichtschachtsucher


Prismensucher

Objektiv 1: 150mm F2.8

Objektiv 2: 80mm F 2.8
Objektiv 3: 65mm F3.5


Arsenal MC 2x Teleconverter K88

3 Filmkassetten, Drahtauslöser, 
div. Filter


Reparaturhandbuch und 
Bedienungsanleitung

 

 

Ich nahm die Kamera in die Hand und sah sie mir genauer an. Kaum Gebrauchsspuren, Der Verschluss war ohne Beschädigungen und sie löste auch einwandfrei aus. Auch die Belichtungszeiten waren ok. Die Objektive waren alle in einem sehr guten Zustand und frei von Verschmutzungen jeglicherArt. Also ein rundes Paket, jetzt kam es halt noch auf den Preis an. Ich fragte den Ladenbesitzer, ob er an den Besitzer schon mal mein Angebot von 250 Euro weiter geleitet hat. Er verneinte das, sagte mir aber gleich, das dieser sicher nicht darauf eingehen würde.

 

Ich also wieder „schwanger“ nach Hause gefahren und weiter mir Gedanken gemacht. Durch den Einsatz meiner heimischen Finanzministerin, konnte ich das Angebot auf 300 Euro erhöhen und schrieb dem Ladenbesitzer eine Mail. Das war am vergangenen Samstag. Ihr könnt euch vorstellen, dass das Wochenende gefühlt doppelt so lange war, wie es in der Realität gewesen ist. Am Montag Vormittag habe ich nun eine zweite Mail geschickt mit der Bitte, dass ich relativ zeitnah eine Entscheidung des Verkäufers erwarte, da ich mich sonst anderweitig umsehen werde. Am Dienstagabend bekam ich nun die Antwort, dass der Verkäufer dem Angebot zustimmt.

 

Also gestern los und vor dem Kaufabschluss noch mal alles angesehen. Ich wollte ja nicht so enden wie Aberhachi, als er das neue Stammlokal gekauft hat (Der Schuh des Manitu). Alles war aber ok, bezahlt und ab nach Hause. Dort gleich der Finanzministerin, mit stolzer Brust, den Erwerb gezeigt. Dann kamen einige Dinge die ich zu erledigen hatte und der Koffer wurde erstmal in die Ecke gestellt.

 

Szenario: Der Whisky und der Hammer

 

Am Abend kam der Koffer der Glückseligkeit wieder zum Vorschein und ich breitete den Inhalt schön säuberlich auf den Wohnzimmertisch aus. Ich nahm mir die drei Objektive vor, um einfach auch zu sehen wie unterschiedlich die Brennweiten wirken. Dabei ist wohl das 80mm F2.8 als Standartobjektiv zu betrachten. Dieses war auf der Kamera gleich drauf und ich habe damit ein paar Trockenübungen gemacht. Dann das 65mm F3.5 drauf geschraubt und das gleich gemacht. Danach kam die Kanone von 150mm F2.8 dran. Ein echtes Schwergewicht. Diese Linse bringt ein stolzes Gewicht von einem Kilogramm auf die Waage! An die Kiev geschraubt und … kein Spiegelbild im Lichtschachtsucher war zu sehen, obwohl die Kamera gespannt war. Objektiv wieder runter, die zwei anderen nacheinander drauf, alles ok. Dann wieder das 150mm drauf und das selbe Ergebnis, nämlich nichts. Ich wieder runter und das 80er drauf und auf einmal konnte ich den Auslöser nicht mehr betätigen, bzw. er löste halt nicht mehr aus. Die erste Panik stieg in mir auf. Noch mal Objektiv gewechselt, aber auch das half nicht. Die Kamera war gespannt, löste aber nicht mehr aus. Die anfängliche Panik verbreitete sich nun sehr schnell im ganzen Kopf und ich suchte verzweifelt nach einer Lösung des Problems. Hatte ich hier noch eine weitere „Krücke“ gekauft? Wer meinen Blog verfolgt, weiß das ich ein „gebranntes Kind“ im Bereich der analogen Fotografie bin.

 

Also Internet durchforscht, YouTube gecheckt, ob da was zu finden war. Nix! Dann fing mein Puls an in den Keller zu gehen. Das ist zwischenzeitlich ein Phänomen bei mir, das ich immer häufiger beobachte. Wenn es zu vermeintlich, ausweglosen Situationen kommt, werde ich ruhiger und suche dann nach einer Lösung. Ich holte eine kleine Flasche Whisky die aus Japan stammt, nahm erst einmal einen Schluck. Danach suchte ich weiter im Internet rum. Es musst das Problem doch nicht nur mir passiert sein, so war mein Gedanke. Nachdem das Glas Whisky leer war, fand ich einen kleinen Beitrag in einem englischen Forum. Dort wurde gesagt, das die Kiev 88 es nicht so mag, wenn man die Objektive wechselt während die Kamera noch im gespannten Zustand ist.

 

Als Lösung wurde eine rustikale Vorgehensweise vorgeschlagen. Man solle mit leichten Schlägen gegen das Gehäuse klopfen und zwar an der Seite wo die Kurbel ist. Ich war jetzt nach einigen Stunden soweit, das ich mir unseren kleinen Hammer nahm und vorsichtig gegen das Gehäuse schlug. Natürlich nur mit dem Stil, nicht mit dem Kopf des Hammers! Ich wollte die Kamera ja nicht Kaltverformen. Nach dem dritten Schlag löste sich der Spiegel und ich konnte wieder ganz normal spannen und auslösen. Ein kurzes Dankgebet war hier mehr als angebracht.

 

Ich nahm nun das 150mm Objektiv und schraubte es in die Kamera, die nicht gespannt war und siehe da, alles funktionierte. Jetzt auch mit dem 150mm Objektiv. So legte ich alle Sachen wieder in den Koffer und ging weit nach Mitternacht ins Bett.

 

Am heutigen Morgen, nahm ich die Kamera raus und unterzog diese dem selben Szenario wie gestern Abend, nur dieses Mal achtete ich beim Objektivwechsel darauf, das die Kamera nicht gespannt war. Auch heute funktioniert alles bestens. Und der gestrige Abend erscheint mir nur noch wie ein böser Traum.

 

Morgen treffe ich mich mit einem befreundeten Künstler und wir werden einige Probebilder mit der Kiev machen. Ich bin sehr gespannt, was dabei heraus kommt.

 

Ich halte euch auf dem Laufenden, versprochen!

 

 

P.S. Nur noch ein kleiner Tipp am Rande: Man darf an dieser Kamera, wie auch bei anderen russischen Modellen, die Belichtungszeit erst nach dem Transport vom Film einstellen. Macht man dieses nicht, kann es zu Schäden kommen, die mit einem Hammer nicht mehr zu beheben sind.

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