Fotografische Geschichte neu entdeckt: Die Kollodium-Nassplatte

 

Ein Gastbeitrag von : Erik Schlicksbier

Gerade mal 25 Jahre nach dem ersten (erhaltenen) Foto von Joseph Nicéphore Nièpce war das Kollodium-Nassplatten-Verfahren bei weitem nicht das erste Verfahren, mit dem sich Portraits erstellen ließen, wohl aber das populärste Verfahren vor dem fotografischen Film, so wie wir ihn heute kennen — sowohl was die Dauer der Periode als auch die Zahl der Kunden anging.

 

Die erste bekannte Fotografie (Nicéphore Niépce 1826)
Die erste bekannte Fotografie (Nicéphore Niépce 1826)

 

Zwar gab es ab den 1840er Jahren dramatische Veränderungen in den Belichtungszeiten der damals populären, aber sehr langsamen Daguerreotypien durch neue, lichtstarke Objektive und Verbesserung in der Chemie, aber alle Verfahren erstellten entweder nur Positive (=Unikate) oder Negative schlechter Qualität, da sie auf Papierbasis waren (Talbotypien). 

 

Die 1850/51 von Frederick Scott Archer erfundene Kollodium-Nassplattentechnik änderte dies dramatisch. Belichtungszeiten waren signifikant kürzer, die Herstellung bedeutend günstiger (Glas statt versilberte Platten), weniger giftig (Daguerrotypien erforderten Quecksilber) und man hatte die Wahl zwischen Positiv-Unikaten oder hochwertigen Negativen auf Glasplatte. 

 

Frederick Scott Archer
Frederick Scott Archer

 

Gerade die kürzeren Belichtungszeiten und die günstigeren Preise bedeuteten den Dammbruch in der Portraitfotografie, da das eigene Bild für viele nun endlich erschwinglich wurde. Kollodium- Nassplatten hatten aber auch einen dramatischen Nachteil: Wie der Name schon suggeriert, muss die Platte während des Prozesses nass sein. Das bedeutet, dass man — je nach Witterung — von dem Moment des Begießens mit Kollodium über das Sensibilisieren und der Fotografie an sich bis hin zur Entwicklung ein Zeitfenster von 8-10 Minuten hatte. Es ließen sich also keine Platten vorbereiten und die Dunkelkammer durfte nie weit vom Ort der Fotografie entfernt sein. Der amerikanische Bürgerkrieg wurde daher auch mit Pferdekarren fotografiert, damit der Nassplattenfotograf direkt vor Ort seine Platten beschichten und entwickeln konnte. 

 

Trotzdem wurde die Nassplatte im großen Stil erst durch den von George Eastman 1885/89 entwickelten fotografischen Film abgelöst. Zwar gab es zwischenzeitlich auch ein Trockenplattenverfahren, doch hat sich dieses auf Grund der höheren Preise bei den Ateliers nie wirklich durchgesetzt, zumal dort auch die Nachteile durch schweres Equipment und eine mobile Dunkelkammer nicht zum Tragen kamen. 

 

Insbesondere die Ferrotypien waren ab 1855 bis noch in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts als preiswerte Jahrmarktsfotografie extrem beliebt. 

 

 

Wann genau die Renaissance des Verfahrens begann, ist nicht wirklich festzustellen. Ähnlich der Craft Beer Welle begann sie schätzungsweise in den 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts in den USA bevor sie langsam nach Europa kam. Verstärkt wird diese Neubelebung auf jeden Fall durch den digitalen Trend, der bei vielen die Sehnsucht nach dem einen Unikat statt der digitalen Masse weckt und wo der handwerkliche Akt des Fotografierens, diesmal aber auch als künstlerischer Akt, wieder mit in den Mittelpunkt rückt. Bewusstsein statt schneller Genuss ohne Nachhaltigkeit. 

 

 

Warum ich die Kollodium-Nassplatte für mich wiederentdeckt habe 

 

Kollodium Nassplatte fasziniert mich durch den besonderen Weg der Erstellung, der auch im erheblichen Maße für den Look solcher Platten verantwortlich ist (neben der Chemie natürlich). 

 

Inzwischen haben wir durch die digitale Bilderflut eine Beliebigkeit erreicht, wo das einzelne Bild kaum noch einen Wert hat. Das Bild selbst, aber auch wie es entstanden ist, geht im Bildrauschen unter. Fotografen konzentrieren sich häufig darauf, möglichst viele Bilder von einem Menschen zu „schießen“ statt sich erstmal überhaupt auf den Menschen einzulassen und ihn so gut kennenzulernen, dass man ihn über das Foto dem Betrachter näherbringen kann. 

 

Bei der Nassplatte ist es völlig anders. Zum einen zählt das eine Bild, das eine Original, das man schafft. Zum anderen gehört der längere Weg der Entstehung untrennbar zum Ziel. Nicht nur die Länge der Belichtung, sondern schon das langsame und konzentriere Einrichten des Bildes. Es ist eine gemeinsame Erfahrung, an deren Ende beide das eine Bild unbedingt wollen. Ein Eindrücklichkeit, die sich immer wieder deutlich im Bildergebnis zeigt. 

 

Notwendige Chemie
Notwendige Chemie
Begiessen mit Kollodium
Begiessen mit Kollodium
In der Dunkelkammer
In der Dunkelkammer

Vielen Dank Erik für diesen tollen Gastbeitrag !

 

Weitere Informationen und auch Termine für ein einzigartiges Shooting bekommt ihr hier:

 

https://www.kollodium.com/

 

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