(M)eine kleine Weihnachtsgeschichte 2019

Ruhe in Frieden, oder: „Sie ist jetzt da, woran sie geglaubt hat.“

 

Am Samstag war ich im Nachbarort und habe den dortigen Bergfriedhof besucht. Ich mag Friedhöfe, gerade in der Adventszeit. Denn egal wo man derzeit hingeht, ist es weder ruhig noch besinnlich. Die Straßen sind voll, die Menschen jagen von einem Geschäft zum nächsten. Hektik ist überall zu spüren. So war mein Entschluss diesen Bergfriedhof zu besuchen richtig für mich. Denn hier konnte ich in Ruhe gehen, ohne dass die umliegende Hektik der Stadt zu spüren war.

 

 

Immer wieder las ich den Spruch „Ruhe in Frieden“ auf den diversen Grabsteinen und ich machte mir so meine Gedanken dazu. Warum erst jetzt? Warum kann der Mensch nicht schon zu Lebzeiten in Ruhe und in Frieden leben? Schon komisch das Ganze.

 

Während ich so in Gedanken langsam über den Friedhof ging, bemerkte ich einen alten Mann aus der Entfernung. Er hatte einen Strauß Blumen in der Hand und man sah ihm an, dass dieser steile Weg für ihn nicht leicht war.

 

Ich machte mir etwas Sorgen und folgte ihm. Kurze Zeit später sah ich den Mann wie er vor einem Grab stand. Der Strauß Blumen war schon längst in einer Vase und er stand schweigsam dort. Irgendwie traute ich mich nicht ihn anzusprechen. Plötzlich bemerkte mich der Mann und sah mich fragend an.

 

„Guten Morgen. Entschuldigung das ich sie störe, aber ich sah wie sie mühsam den Weg hierher gegangen sind und wollte nur nachfragen, ob es ihnen gut geht.“

 

Der Mann drehte sich ganz zu mir rum und bedankte sich für meine Fürsorge. Er sei jetzt 78 und die Steigungen fielen ihm immer schwerer zu laufen. Er müsse jetzt selbst bei kleineren Strecken öfters eine Pause einlegen. Die Atmung sei nicht in Ordnung, meinte sein Arzt. Nun ja, dann eben noch langsamer, aber so lang es ihm möglich sei wolle er die Besuche bei seiner Frau nicht aufgeben.

 

Ich blickte auf den Grabstein und sah das seine Frau vor 5 Jahren verstorben war. Wir waren fast 55 Jahre verheiratet sprach der Mann weiter als er meinen Blick auf dem Grabstein sah. Sie ist jetzt da, woran sie geglaubt hat.

 

Ich sah ihn fragend an und er meinte nur, können wir uns dort auf die Bank setzen, das würde ihm guttun. So verließen wir das Grab und gingen schweigend zu einer einfachen Bank aus Plastik. Dort setzten wir uns hin und schwiegen weiter. In seinem Gesicht sah ich das er am Nachdenken war.

 

 

Nach einigen Minuten, wie viele weiß ich nicht, fing er an zu reden. Wissen Sie, sagte er, meine Frau war eine gläubige Frau. Als wir uns kennen gelernt haben, war sie schon gläubig. Sie wissen schon so mit Gott und Jesus und so. Ich selber konnte damit nichts anfangen, aber diese Frau interessierte mich. Sie sah die Welt einfach durch andere Augen, ohne dass ich mich unwohl fühlte und das obwohl ich nicht an ihre Religion glaubte.

 

Wir kamen uns näher und irgendwann war klar, diese Frau liebte ich. Nach unserer ersten Begegnung und unserer Hochzeit lagen 2 Jahre. Ja wir haben damals auch kirchlich geheiratet. Mir war ja egal, aber meiner Frau war es wichtig unsere Ehe unter dem Segen ihre Gotte zu legen und da ich diese Frau liebte, stimmte ich zu.

 

Der Mann machte eine Pause und sah zu dem Grab seiner Frau hin. Wissen Sie, meinte er, unsere Ehe war deswegen nicht schlechter oder besser als andere Beziehungen. Wir hatten unsere gemeinsamen Hochs wie auch Tiefs, dabei war der Glaube meiner Frau aber nie ein Thema. Sie ging sonntags in ihre Gemeinde und ich zum Fußball. Bei den wenigen gemeinsamen Besuchen in ihrer Gemeinde, lernte ich auch andere Christen kennen und wusste von meiner Frau, dass auch diese Menschen für mich beten. Wenn ich mal krank war oder so, aber auch das ich irgendwann, wie meine Frau, den Weg zu Gott finden würde.

 

Aber ich dachte nur innerlich, ihr könnt machen was ihr wollt, aber an sowas wie euren Gott, da kann ein aufgeklärter Mensch wie ich nicht dran glauben. Meine Frau, sah mich immer irgendwie traurig an, wenn ich das öffentlich sagte. Aber sie schwieg nur und selbst jetzt wusste ich, dass sie für mich betete.

 

Sie hat nie versucht mir ihren Glauben aufzudrängen. Sicher wir sprachen immer mal wieder darüber, aber sie sprach in einer Form, dass ich mich nicht gezwungen fühlte ihren Glauben annehmen zu müssen. Im Gegenzug lies ich ihrer Freiheit zu den Gottesdiensten und sonstigen Veranstaltungen zu gehen. Wir ließen den anderen einfach in seiner Überzeugung bzw. Glauben stehen.

 

Ich glaube nicht, dass es hätte sonst so lange mit uns funktionieren können. Wir hatten eine gute Zeit miteinander und sie war die Richtige für mein Leben. Kinder haben wir leider keine bekommen, obwohl wir beide welche haben wollte. Aber das blieb uns verwehrt.

 

Irgendwie haben wir zwei das auf unterschiedliche Weise verarbeitet. Meine Frau leitete lange Jahre die „Kinderstunde“ in der Gemeinde, während ich die Kleinen beim Fußball trainierte. Irgendwie waren diese Kinder „unsere“ Kinder und sie konnten mit all ihren Sorgen auch zu uns kommen. Wir sprachen öfters dann abends über diese Kinder und halfen uns gegenseitig bei den unterschiedlichsten Problemen mit den Jungs und Mädels.

Ich merkte wie das lange Reden den Mann wieder außer Atem gebracht hatte und sagte zu ihm, er solle ruhig eine Pause einlegen. Ich hätte Zeit und würde warten können. Der Mann griff in die Jackentasche und holte seinen Inhalator raus und sog zweimal tief daran. In den nächsten Minuten beruhigte sich seine Atmung.

 

Wissen Sie, sagte der Mann plötzlich, als meine Frau dann schwer erkrankte, fragte ich mich, wo ist nun ihr Gott? Warum lässt er diese liebe Frau, die so fest an ihn glaubte, so leiden? Als dann noch die Diagnose kam, dass von ärztlicher Seite her nichts mehr für sie getan werden konnte, war ich total verzweifelt.

 

Es fiel mir schwer meine Frau zu besuchen. Ich sah nur den Tod und seine Endgültigkeit. Wir weinten oft zusammen. Doch meine Frau weinte nicht darum, das sie bald sterben musste, sie weinte um mich, der so verzweifelt war. In ruhigen Minuten sprach sie davon das für sie alles ok sei. Sie hätte ein tolles Leben und einen tollen Mann an ihrer Seite gehabt. Ich heulte bei diesen Sätzen automatisch wieder los. Meine Frau hielt dann meine Hand und beruhigte mich. Ich sollte doch der starke Part in dieser Situation sein, aber ich konnte einfach nicht.

 

Die letzte gemeinsame Zeit rannte davon und uns blieb nicht mehr viel Zeit Wir hatten uns schon lange ausgesprochen. Viele Freunde von ihr kamen sie regelmäßig besuchen und beteten mit ihr. Ich zog mich in diesen Momenten zurück. Ich verstand es nicht, wie man an einen solchen Gott glauben konnte. Viele dieser Gemeindemitglieder boten mir ihre Hilfe an und ließen mich wissen, dass sie auch für mich beten würden. Das war mir egal, der Schmerz war zu groß.

 

Ich hatte das Glück das ich auch in der letzten Stunde von meiner Frau auf dieser Welt bei ihr sein zu können. Dank der Medikamente schlief sie einfach nur ruhig ein. Kein verspanntes oder gar verzerrtes Gesicht hatte sie. Sie sah aus, als wenn sie bald wieder aus diesem Schlaf erwachen würde. Dem war aber nicht so.

 

Dann kam die Beerdigung und ich war mehr als berührt, wie viele Menschen ihr die letzte Ehre erwiesen haben. Der Trauergottesdienst fand in ihrer Gemeinde statt und der Saal war voll, so dass sogar extra Stühle geholt werden musste. Ich hörte die verschiedenen Menschen, die vorne über meine Frau sprachen. Wie oft sie anderen Trost gespendet hätte und auch anderswo immer mit einem Lächeln geholfen hatte. Ich lernte in diesem Gottesdienst einen Teil meiner Frau kennen, den ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte.

 

Wieder machte der alte Mann eine Pause und sah wieder zum Grab seiner Frau. Seine Augen wurden feucht und er faltete seine Hände. Auch ohne Worte war klar das er jetzt nicht weiterreden wollte. So saßen wir einige Zeit einfach schweigend auf der Bank.

 

Wissen Sie, sprach er auf einmal weiter, Ich war in der ganzen Zeit nie alleine, auch nach der Beerdigung nicht. Ich bekam immer wieder Besuch von den unterschiedlichsten Gemeindemitgliedern meiner Frau. Sie fragten nach, ob sie irgendwas für mich erledigten, oder anders behilflich sein könnten. Sie sprachen bei diesen Besuchen oft von meiner Frau, wie besonders sie gewesen sei und wie sie die Gemeinde bereichert hätte. Sie luden mich immer wieder zum kommenden Gottesdienst ein. Ich antwortete mit Ausflüchten, warum es wohl nicht klappen würde.

 

Ein halbes Jahr nach dem Tod fand ich doch den Weg in die Gemeinde, die meine Frau über Jahrzehnte besucht hatte. Ich wurde freundlich begrüßt und nahm in der letzte Reihe Platz. Ich weiß heute nicht mehr worüber gepredigt wurde, das ging an mir vorbei. Aber ich fühlte mich hier meiner Frau irgendwie näher, als an jedem anderen Ort. So fasste ich den Entschluss öfters dorthin zu gehen. Es tat mir gut und ich kam etwas raus.       

 

Nun gehe ich regelmäßig in diese Gemeinde und verstehe immer mehr diese „religiöse“ Seite an ihr. Deswegen kann ich heute sagen: „Sie ist jetzt da, woran sie geglaubt hat.“

 

Ich war sehr bewegt über die Geschichte dieses alten Mannes und fragte ihn noch, ob ich ihn runterbringen sollte. Er sagte daraufhin, dass jemand aus seiner Gemeinde ihn abholen und nach Hause fahren würde. Ich stand auf, reichte ihm die Hand und wünschte ihm noch gesegnete Weihnachten. Er sah mich mit freundlichen Augen an und wünschte mir dieses ebenfalls. 

  

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